Kommentar: Landwirtschaft – Machtlos? Macht los!
10/02/2013

Von Barbara Unmüßig

Kartoffelernte Amflora

Wer den Ursachen von Hunger und Armut auf den Grund geht, stellt schnell fest, dass es immer wieder um verschiedene Dimensionen von Macht geht. Macht oder Machtlosigkeit haben unmittelbaren Einfluss auf Hunger und Armut. Keine oder unsichere Eigentums-, Nutzungs- und Verfügungsrechte sind ein großes Problem für Millionen von Menschen in den meisten Entwicklungsländern. Machtunterschiede und Eigentumsrechte zwischen den Geschlechtern sind ein zentraler Faktor dafür, warum Frauen das Gros der weltweit Hungernden stellen.

Wir wissen: Macht und ökonomische Interessen gehen Hand in Hand. Mit Investitionen in die Landwirtschaft und in Land lässt sich heute sehr viel Geld verdienen! Das haben auch die internationalen Investoren und Spekulanten verstanden – und haben inzwischen fast 200 Millionen Hektar Land zumeist in diversen afrikanischen und asiatischen Ländern gekauft oder gepachtet, um meist exportorientierte intensive Landwirtschaft zu betreiben. Mit der Folge, dass kleinbäuerliche Produzent/innen vielfach von ihrem Land vertrieben werden. Ganz zu schweigen von den ökologischen Schäden, denn die Rodung der Wälder, die Übernutzung der Böden, ein erhöhter Wasserverbrauch, der Anbau von Monokulturen mit intensivem Pestizid- und Mineraldüngereinsatz sind die Regel und nicht die Ausnahme.

Mit zunehmender Nachfrage nach jeder Form von Biomasse erleben wir außerdem eine ungeheure ökonomische Machtkonzentration. Es sind weltweit nur wenige Konzerne, die den Agrarsektor und die Nahrungsmittelindustrie beherrschen. Von A wie Alge bis Z wie Zuckerrübe ist alles von Interesse: Zum Einen soll  die wachsende globale Nachfrage nach Nahrungsmitteln bedient, zum Anderen die Abhängigkeit  vom Erdöl bei industriellen Produkten reduziert und später ganz kompensiert werden. Getrieben von den Visionen und möglichen Profiten einer biobasierten Wirtschaft streben große Konzerne wie Monsanto, BASF, Dow Chemicals nach der Macht und Kontrolle über die Gene der wichtigsten Nahrungsmittelpflanzen, um damit Biomasse und neue, sogenannte grüne Energien zu kontrollieren. Big Energy, BIG Pharma, Big Food, Big Chemical gehen immer wieder neue Allianzen untereinander ein und bilden neue Technologieplattformen, während gemeinschaftliche Nutzungsformen von Saatgut, der Erhalt alter lokal angepasster Sorten und tiergenetischer Vielfalt immer seltener werden.

Damit liegt ein Kernbereich des menschlichen Lebens – die Nahrung – in den Händen einiger weniger Konzerne. Die Politik scheint dieser Machtfülle nichts oder zu wenig entgegensetzen zu wollen. So werden Menschen und die Politik aber immer abhängiger vom Diktat (Preise, Saatgut- und Pestizidmix, Ernährungsangebot) einiger weniger Akteure.

Völkerrechtlich verbrieft ist das Menschenrecht auf Nahrung. Die Ausgestaltung des Rechts dürfen wir nicht einigen wenigen Konzernen überlassen. Das ist ein zutiefst politische Aufgabe. Hunger ist der traurige Beweis dafür, dass das Menschenrecht auf Nahrung auch profitorientierten Interessen untergeordnet wird.

Nicht die Macht einiger weniger sondern die rechtliche Absicherung vieler, Geschlechtergerechtigkeit, Vielfalt und dezentrale Lösungen werden Hunger und Armut erfolgreich bekämpfen.  

Die gute Nachricht ist: Machtverhältnisse sind nicht gegeben – sie sind wandelbar. Das ist die Prämisse auch für das Handeln der Heinrich-Böll-Stiftung: weltweit aufklären, informieren, Alternativen aufzeigen, Bündnisse schaffen und vor allem Menschen befähigen, für ihre Recht zu streiten.

...
Der Text erschien zuerst als Gastbeitrag in der Badischen Zeitung.

 

Bild: Ernte der Kartoffelsorte Amflor. Amflor ist die erste gentechnisch veränderte Pflanze, die in der EU eine Anbau-Zulassung erhalten hat.
Quelle: BASFPlantScience/Flickr, Lizenz: CC BY 2.0

 

 

Zusätzliche Kategorien