Im Reich der Sojabohne: Strukturwandel in der Landwirtschaft des Cono Sur am Beispiel Argentiniens
12/02/2013

Von Michael Álvarez Kalverkamp

Sojabohne

Auch wenn eine aktuelle Studie der FAO als Tendenz für Lateinamerika eine heterogene Mischung aus – vermeintlich koexistenten – klein- und großflächigen Agrarstrukturen feststellt, geht der Trend vor allem im südlichen Lateinamerika weiterhin in Richtung immer größerer Anbauflächen.

Vor allem in Argentinien, Paraguay, Uruguay, aber auch in dem traditionell durch kleinere landwirtschaftliche Strukturen geprägten Chile, breiten sich zunehmende große, industrielle und exportorientierte Betriebe aus. Wesentliche Faktoren für diese Entwicklung sind, trotz punktueller Erfolge und Verbesserungen, fehlende institutionelle und politische Rahmenbedingungen. So existieren häufig, wenn überhaupt, nur mangelhafte Raumordnungspolitiken und Kataster. Auch die Registrierungsprozesse für Eigentumstitel sind in allen vier Ländern sehr kompliziert.

Diese Situation nutzen Großproduzenten aus, um ihre Landflächen auszuweiten. Im Norden Argentiniens und in Paraguay werden nicht-registrierte Kleinproduzenten zunehmend von Großprojekten und -investoren verdrängt. Land Grabbing, angetrieben durch die steigende Nachfrage nach Nahrungs- und Futtermitteln sowie Biospritproduktion, findet mittlerweile vor allem intraregional im Mercosur über Investorengruppen und direkte Migration aus der Region (Brasilien – Paraguay; Argentinien, Brasilien – Paraguay, Uruguay) statt.

Um eine klarere Vorstellung von den Größenordnungen in der Region zu erhalten, ist ein vergleichender Blick auf die Flächennutzungen am Beispiel Argentinien und Deutschland hilfreich. In Argentinien werden aktuell 32 Mio. ha Fläche für Acker- und Pflanzenbau genutzt, 100 Mio. ha für Wiesen und Weiden sowie 30 Mio. ha für Wald. Bei einer Gesamtfläche des Landes von 270 Mio. ha werden also rund 160 Mio. ha – gut zwei Drittel des Landes – land- und forstwirtschaftlich genutzt.

Deutschland weist dagegen rund 35 Mio. ha an Gesamtfläche auf, davon sind 17 Mio. ha landwirtschaftliche Nutzfläche - weniger als die Hälfte des Landes. Dabei ist ein Detail besonders interessant: Bei rund einem Achtel der Fläche Argentiniens produziert Deutschland fast halb so viel Rindfleisch wie Argentinien, 1,2 Mio. Tiere in Deutschland versus 2,6 Mio. in Argentinien. Dieser Vergleich ist ein deutlicher Hinweis auf den indirekten „Import von Agrar-Flächen“ bzw. der Futtermittel für die Fleischproduktion.

Bauernsterben in Argentinien

Zwischen 1988 und 2008 (letzer Agrarzensus) reduzierte sich die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe in Argentinien von 421.000 auf 270.000. Dabei ist nachgewiesenermaßen in allen Regionen der größte Rückgang bei den kleinen und Kleinstbetrieben zu verzeichnen. 2 Prozent der Betriebe besitzen über 50 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche, während 57 Prozent der Betriebe gerade einmal 3 Prozent bearbeiteten.

Dazwischen existiert – noch – ein Mittelfeld mittelgroßer, meist familiengeführter Betriebe, die in Größenordnungen zwischen ca. 500 und 2.000 ha produzieren.

Eine Entwicklung der letzten Jahre ist, dass sich der Anteil des Pflanzenbaus (Soja, aber auch Mais und Getreide) an der gesamten Nutzfläche vor allem in den ehemals kleinteiliger und diversifizierter organisierten nordwestlichen Regionen deutlich erhöht. So stieg die Ackerbaulich genutzte Fläche z.B. im andineren Nordwesten um 70 Prozent von 800.000 auf über 1,4 Mio. ha innerhalb weniger Jahre.

Während aktuell in der Zentralregion Argentiniens (La Pampa, Santa Fe, Provinz Buenos Aires etc.) Betriebsgrößen vor allem über Pachtmodelle wachsen (wegen sehr hoher Bodenpreise), etablieren sich in den bisher nicht oder nur eingeschränkt genutzten Randregionen des Nordwestens und Nordostens zunehmend große Betriebe, die das Land auch besitzen, bzw. aufkaufen – zum Teil für lächerliche Beträge von der öffentlichen Hand, zum Teil durch Vertreibung von Kleinstbauern oder -pächtern.

So sind innerhalb Argentiniens folgende regionale Veränderungs- und Konzentrationsprozesse zu beobachten, die gleichzeitig auch als Beispiel für generelle Tendenzen in den meisten lateinamerikanischen Ländern gelten: In der Zentralregion und den besseren (oder über Bewässerung erschlossenen) Randregionen etabliert sich großflächig exportorientierter Pflanzenbau, Soja, aber auch Mais, und verdrängt dabei auch klassische Viehzucht und Weidewirtschaft in die Randregionen und in bewaldete Gebiete. Hierdurch entsteht Druck auf indigene Gemeinschaften, v.a. auch in Paraguay. In den trockeneren Gebieten Argentiniens, der Cuyo-Region (Mendoza, La Rioja, San Juan), werden über Infrastrukturmaßnahmen (Bewässerung, Straßenbau) neue, vormals nicht nutzbare Flächen für ebenfalls großflächige Produktionen von Oliven, Wein etc. in Größenordnungen von 1.000 bis über 10.000 ha angelockt. Viehzucht- und Weidewirtschaft, insbesondere Rinderzucht, die vormals in den Zentralregionen des Landes praktiziert wurde, geht dort zugunsten von Intensivhaltung und Sojafütterung in sogenannten feed-lots zurück oder wird ebenfalls in die Randregionen oder Grenzgebiete zwischen den Regionen gedrängt, in den Nordwesten, Nordosten oder weiter in die Grenzgebiete zu Patagonien. In all diesen neu erschlossenen Gebieten wird mit neuen Kreuzungen und Züchtungen experimentiert, vornehmlich mit trocken- und hitzeresistenten, aus Australien importierten Rinderrassen.

Beispiel Saatpools: Vorbote der neuen, finanzmarktorientierten Landwirtschaft?

Ein zentraler Akteur des Strukturwandels sind vor allem in Argentinien sogenannte Saatpools, Investorenzusammenschlüsse, die Land ausschließlich pachten. Diese Unternehmen stellen in mehrfacher Hinsicht ein Problem dar: Zum einen aufgrund der großflächigen Monokultur über zehntausende von Hektar hinweg, die ganze Landstriche veröden lassen. Eine Folge davon ist, wie bereits beschrieben, die Entvölkerung ländlicher Räume und die Verdrängung kleinerer Produzenten, denn Saatpools zahlen aufgrund der größeren Flächenbewirtschaftungen und Erträge deutlich höhere Pachtbeträge als mittlere und kleine Produzenten. Diese werden dadurch endgültig verdrängt, entweder weil sie aufgeben und selbst verpachten, oder weil sie schlicht kein Land mehr zur Pacht zur Verfügung gestellt bekommen.

Diese Verödung ländlicher Regionen wird verstärkt durch die Gewinntransfers in andere Regionen, zumeist die großen urbanen Zentren, denn die meisten Pools stellen ausschließlich einen Investorenzusammenschluss in urbanen Zentren dar. Diese Unternehmen, die oft nur auf einer kleinen Büroetage in der Hauptstadt operieren, pachten nicht nur das Land an, sondern auch den Maschinenpark und die Arbeitskraft – und können hier sehr viel günstigere Preise für Pacht und Dienstleistungen aushandeln. Dies gilt ebenso für Saatgut und die Chemiepakete aus Pestiziden, Herbiziden und Düngemitteln. Der Einsatz von Chemiepaketen ist dabei von elementarer Bedeutung, denn die meisten Pools verfolgen das Prinzip der Direktsaat, bei der nicht mehr gepflügt, sondern das Saatgut direkt in den Boden eingebracht wird. Dafür aber muss die Menge an Herbiziden, insbesondere Glyphosat, extrem erhöht werden, was die kontinuierliche Degradation der Böden in kürzester Zeit zur Folge hat. Auch deshalb zählen zu den zentralen Faktoren nicht mehr nur die Qualität der Böden oder die klimatischen Bedingungen, sondern auch der Faktor Zeit – vor allem die Direktsaat verschafft den entscheidenden Zeitvorteil für eine Zweit- oder gar Drittsaat in einem Jahr, was den maximale Return für die Pachtzahlungen ermöglicht. Bei Erstsaat sind Hektarerträge von bis zu 3 Tonnen durchaus möglich, bei Zweit- oder Drittsaat dann eher weniger – dennoch lassen sich so pro Hektar zwischen 5 und 6 Tonnen Soja im Jahr erzielen, bei aktuellen Marktpreisen also rund 3.000 - 3.500 US-Dollar pro Hektar.

Vor allem aber fördern Saatpools Wettbewerbsverzerrungen. Die Investoren eines Saatpools zahlen – zumindest theoretisch – als natürliche Personen Steuern, nicht aber die Pools selbst, da sie im Gegensatz zu natürlichen Personen oder Normal-Betrieben steuerbefreit sind.

Saatpools sind als Pächter grundsätzlich auch besser gewappnet für die mittlerweile in vielen Ländern erlassenen Beschränkungen für ausländische Investoren und für mögliche künftige nationale Gesetzgebungen, die Landbesitz beschränken.

Damit wird auch klar, dass sich selbst in einem – eher unwahrscheinlichen – Szenario fallender Weltmarktpreise und steigender Besteuerungen für normale Betriebe Saatpools aufgrund der beschriebenen Faktoren sehr viel besser behaupten können und somit den Verdrängungs- und Konzentrationsprozess beschleunigen werden.

Laissez-faire oder aktive Agrarpolitik?

Ob und wie diese Prozesse umkehrbar sind, ist die entscheidende Frage in fast allen Ländern der Region – und nicht nur dort. Gemeinsam ist ihnen eher das Fehlen einer nationalen, abgestimmten Agrarpolitik, die die Entwicklung ländlicher Räume berücksichtigt. Es existieren keine spezifischen Förderpolitiken für unterschiedliche Produktionsgrößen und -formen, erstrecht nicht für nachhaltigere oder ökologische, ebenso keine Instrumente, die die Diversifizierung von Anbauten fördern. Eher im Gegenteil: Nicht nur verstärkt das Laissez-faire die beschriebenen Entwicklungen, auch die nationale Agrarstrategie der argentinischen Regierung bis 2020 setzt auf eine gigantische Steigerung der Produktionsmengen von Soja, Mais und Getreide. Immerhin geht dieser Plan – theoretisch – auch von einer stärkeren Diversifizierung der drei Anbauten aus.

Im Ansatz ist eine kritische Reflektion der aktuellen Entwicklungen sichtbar, auf jeden Fall im wissenschaftlichen Umfeld und Institutionen wie dem INTA, dem Nationalen Agrartechnologie-Institut, das bestimmte kleinere Programme wie „huerta familiar“ umsetzt („Familiengarten“, als Armutsbekämpfungsmaßnahme und Grüngürtelprogramm um größere urbane Zentren, zumeist Elendssiedlungen.)

Unklar ist jedoch, ob anhaltende Debatten und erste Versuche einer anderen Politik tatsächlich einen intensiveren Umsteuerungsprozess in der nationalen Agrarpolitik einleiten werden. Zu sehr sind in Ländern wie Argentinien, Paraguay, und Uruguay sowohl Wirtschaft wie auch der Staat selbst abhängig von den Export-Einnahmen.

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Michael Alvarez Kalverkamp ist Leiter des Büros Cono Sur der Heinrich-Böll-Stiftung in Santiago de Chile.

 

Bild: Sojabohnen, wohin das Auge blickt. Immer größere Anbauflächen mit Monokulturen bestimmen das Bild der Landwirtschaft im Süden Lateinamerikas. Hier ein Sojabohnenfeld in Chascomús, Argentinien. Quelle: amicor/Flickr, Lizenz: CC BY-SA 2.0